Chancen & Grenzen von CSR-Rankings am Beispiel des IÖW/future-Ranking & WeGreen.
Eine Nachbetrachtung der Veranstaltung des AK CSR, 10. Februar 2011, Berlin, in der MEDIADESIGN HOCHSCHULE.
Wer einen Nachhaltigkeitsbericht herausgibt, hat ein Interesse, sein CSR-Engagement durch Rankingsysteme und entsprechende Wettbewerbe bestätigt zu bekommen. Die zahlreichen Rankings werden aber auch als Hilfestellung betrachtet, mit denen Organisationen ihr CSR-Management verbessern können. Deshalb gewinnen Bewertungssysteme immer mehr an Bedeutung für die CSR-Kommunikation. Doch, was leisten Rankings? Worauf sollten Unternehmen und Kunden achten? Wie transparent sind diese Bewertungen?
Grund genug für den Arbeitskreis CSR der DPRG, diesen in der Öffentlichkeit bisher noch wenig diskutierten Fragen mit einer Veranstaltung nachzugehen. Mit freundlicher Gastgeberunterstützung der privaten Media Design Hochschule Berlin zeichnete sich ein spannender Abend im winterlichen Berlin ab. Die Gäste zeigten sich diskussionsfreudig und gut informiert – dank der spannenden Beiträge der Referenten: Jana Gebauer vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), die das IÖW/future-Ranking verantwortet – das wohl bekannteste Bewertungssystem für CSR-Berichte in Deutschland. Außerdem Maurice Stanszus, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens WeGreen, der eine Nachhaltigkeitsampel entwickelt hat, die als Smartphone Applikation dem Verbraucher auf einfache Weise die relevantesten Nachhaltigkeitsbewertungen aufzeigt.
In Ihrem Vortrag bot Frau Gebauer detaillierte und spannende Einblicke in Ihre Tätigkeit und brachte Licht in die Kriterien und Vorgehensweisen bei der Bewertung von CSR-Kommunikation. Sie machte deutlich, dass inzwischen sehr viele Rating & Rankings um Aufmerksamkeit buhlen und dabei nicht immer transparente und seriöse Kriterien anwenden. Das IÖW-Ranking, das die CSR-Kommunikation und nicht die Nachhaltigkeitsperformance eines Unternehmens bewertet, legt sowohl Methodik als auch Bewertungskriterien offen. Nur so lassen sich die Ergebnisse nachvollziehen. Sie forderte gar einen verbindlichen Verhaltenskodex für die, die bewerten. Dadurch könne gewährleistet werden, dass Beratung und Beurteilung voneinander getrennt werden und Unabhängigkeit gewahrt bleibt.
Insgesamt zeichnete die wissenschaftliche Mitarbeiterin des IÖW ein positives Bild von der Entwicklung der Nachhaltigkeitsberichterstattung in Deutschland. Die Qualität habe sich bezüglich Inhalte, Aufbereitung, und Nachvollziehbarkeit in den letzten Jahren stetig verbessert. Einen Teil der Lorbeeren gehe dabei aber auch an die kritische Öffentlichkeit von aufgeklärten Verbrauchern und NGO´s, die die Berichte sehr genau unter die Lupe nehmen und Unternehmen mit Fehlinformationen hart konfrontieren, befand Gebauer. Auch würden verstärkt ganzheitliche CSR-Strategien auf Lieferketten, Mitarbeiterinteressen und Umweltbelange runtergebrochen. Das sei sicher ein Verdienst von Initiativen wie die Global Reporting Initiative oder Global Compact.
Einen weiteren Blick in die Welt der Rankings und Rating lieferte Maurice Stanszus, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens WeGreen. Er führte die Gäste in das von ihm entwickelte Ampelsystem zur Nachhaltigkeitsbewertung ein. Die Nachhaltigkeitsampel ist eine Art Meta-Such-, und Bewertungsmaschine, die öffentlich zugängliche Daten aus verschiedenen Bewertungssystemen zieht und diese nach einer eigenen Gewichtung in ein leicht verständliches Grün, Gelb und Rot Muster bringt. Ziel ist es, Verbrauchern schnell und einfach und dennoch auf solider Datenbasis, das Thema Nachhaltigkeit näher zu bringen und zu strategischem Konsum anzuregen.
Seine Informationen bezieht der Berliner Social Business Unternehmer unter anderem auch aus dem IÖW-Ranking, Indizes wie dem Global 100, Community-Ranking-Systemen wie Rank a Brand, aber auch von Initiativen wie Climate Counts u.v.m. – die er auf seiner Webseite transparent macht.
Besonders spannend war, dass es dem Unternehmer gelungen ist, seine Anwendung auf die derzeit wohl interessanteste und aktivste Plattform zu heben, nämlich iOS und Android. Gemeinsam mit den Entwicklern der App Barcoo – einem Barcodescannerprogramm, das Preisvergleiche und Nutzerbewertungen anbietet. Damit integrierte der Jungunternehmer die Nachhaltigkeitsampel in ein dynamisches Verbrauchermedium und macht „Nachhaltigkeitskommunikation massentauglich“, wie die Moderatorin Martina Hoffhaus argumentierte. Mit Barcoo werden monatlich mehrere Millionen scans pro Monat von Produkten durchgeführt. Da Smartphones die Zukunft sind, bekommen Verbraucher auf breiter Front die Möglichkeit, Nachhaltigkeitsinformationen von Firmen abzurufen. Das wird den Druck auf Organisationen noch weiter erhöhen, Rechenschaft über Ihre unternehmerische Verantwortung abzulegen. Gleichzeitig können Unternehmen, die schon jetzt auf Nachhaltigkeit setzen von ihrem CSR-Engagement profitieren – sei es in Form von Reputationszuwachs oder steigenden Umsätzen. „Wir brauchen mehr Öffentlichkeit für das Thema Nachhaltigkeit. Wir müssen es schaffen, die Komplexität des Themas reduzieren, ohne zu verfälschen oder gar zu täuschen,“ so Stanszus. Unabhängigkeit ist deshalb für ihn auch ein wichtiges Kriterium. So können zwar Unternehmen kostenpflichtige Unternehmensportraits buchen, die in Verbindung mit der Ampel dem Nutzer angezeigt werden, doch einen Einfluss auf das Ampelergebnis schließt Stanszus glaubhaft aus: Die zugrunde liegenden Rankings sind nicht von WeGreen selbst erstellt.
Nicht fehlen durfte die Diskussion um die Grenzen und Möglichkeiten von Bewertungssystemen. Frau Hoffhaus fragte die Referenten, ob denn nicht das Beispiel BP die Aussagekraft von Rankings in Zweifel zieht. Schließlich wurde Beyond Petroleum stets für seine CSR-Kommunikation gelobt und schnitt in Rankings gut ab. Dennoch löste der Ölmulti eine der größten Umweltkatastrophen aus. Gebauer stellte klar, dass ein Kommunikationsranking niemals beurteilen kann, ob ein Unternehmen wirklich nachhaltig produziert oder ein funktionierendes Risikomanagement besitzt. Unternehmen hätten die Pflicht, auf positive aber eben auch auf negative Punkte einzugehen. Die Referenten zeigten sich dann auch zuversichtlich bezüglich zukünftiger Berichterstattung. Dank der Social Web-Dynamik würden sich Unternehmen immer weniger verstecken können. Dennoch bilden Rankings immer nur Teilwahrheiten ab, da waren sich alle 40 Gäste einig. Eine besondere Herausforderung für Rankings der Zukunft sei die zunehmende Onlineberichterstattung, weil sie schwer zu fassen sei. Die Frage des Abends, ob Unternehmen überhaupt je die Ansprüche von Rankings erfüllen können, wurde von den Experten mit zwei Perspektiven beantwortet. Rankings- und Ratings haben eine Lenkungs- und stetige Verbesserungsfunktion. Diese Ansprüche könnten die Unternehmen auch erfüllen. Jedoch nicht nur durch Kommunikation, sondern durch ein konsequentes CSR-Management.
Riccardo Wagner und Martina Hoffhaus – Leitung AK CSR



21. Februar 2011 



Ein Hinweis zum Thema CSR-Kommunikation und BP: Für alle, die sich im weitesten Sinn mit der Verantwortung von Unternehmen, dem CSR-Management und der CSR-Kommunikation beschäftigen, war das tragische Ereignis im Golf von Mexiko in der Tat ein Weckruf. Denn bis zum Unglück galt BP in weiten Teilen der CSR-Community als Musterschüler in Sachen Unternehmensverantwortung: Die Nachhaltigkeitsberichterstattung von BP erhielt mit der Wertung „A+“ jahrelang Bestnoten des anspruchsvollen Berichtstandards GRI. BP war zudem in den wichtigsten Nachhaltigkeitsindizes (im „Dow Jones Sustainability Index“ und im FTSE4Good) gelistet und hat weltweit mehrere Nachhaltigkeitspreise gewonnen. Dieses Image wurde durch die Unternehmenskommunikation konsequent aufgebaut.
Für alle CSR-Praktiker/-innen – innerhalb und außerhalb von BP – musste sich nach dieser Katastrophe die Frage stellen, wie professionell sie selbst ihrer Verantwortung und ihrer Aufgabe als CSR-Verantwortliche gerecht zu werden.
Dass BP bei genauer Betrachtung kein positives „CSR-Benchmark“ war, hätte ein ernsthafter und kritischer CSR-Professional durchaus erkennen können. Nach Angaben von oekom research, einer der weltweit führenden Rating-Agenturen im Bereich des nachhaltigen Investments, galt BP im Branchenkontext als „vergleichsweise engagiert und transparent und zeigte Stärken in den Bereichen Investitionen in erneuerbare Energieträger, Berichterstattung, Klimaschutzstrategie und Tankersicherheit.“ Dies sind die Bereiche, die von BP auch in der Kommunikation und in Werbekampagnen immer wieder herausgestellt wurden, etwa mit der großen deutschen BP-Informationskampagne 2005 mit den Themen Klimaschutz, Transportsicherheit, Solarenergie und Energiemix.
Dennoch wurde das Unternehmen von oekom research seit mehr als zehn Jahren als „Not Prime“ eingestuft. Der Grund laut oekom research: „BP weist seit Jahren große Versäumnisse und Schwachstellen in den Bereichen Anlagensicherheit und Arbeitsschutz auf, die zu Umwelt- und Arbeitsrechtsverstößen geführt haben. Anlässlich früherer Umweltverstöße in den USA, Russland oder Südafrika war das Rating von BP bei oekom research bereits vor dem aktuellen Geschehen im Golf von Mexiko massiv abgewertet worden“ (Quelle: „Im Rausch der Tiefe – wie viel BP kommt noch?“, oekom research, Pressemitteilung vom 23. Juni 2010).
Wer den Nachhaltigkeitsbericht 2009 des Unternehmens genau liest, erkennt, dass das Unternehmen die Themen Anlagensicherheit und Arbeitsschutz insgesamt bereits als relevante und kritische Themen identifiziert hatte – gezwungenermaßen und nachdem bereits im März 2005 ein Feuer und eine Explosion auf der BP-Raffinerie „Texas City“ in den USA 15 Menschen das Leben gekostet und mehr als 170 Verletzte verursacht hatte. Diese kritischen Themen wurden jedoch – selbst im CSR- bzw. Nachhaltigkeitsbericht der BP – im Vergleich zu den positiv besetzten Themen kommunikativ stark in den Hintergrund gesetzt.
Es sollte den Verantwortlichen der CSR-Kommunikation und ihren Mitarbeiter/-innen eine Lehre sein: Sie mussten sich im Falle BP ebenfalls der Risiken im Bereich der Pflichtaufgaben (mangelhafte Anlagen- und Arbeitssicherheit) bewusst gewesen sein. Wer vor diesem Hintergrund das Thema „Sicherheit im operativen Geschäft“ dann auch noch per TV- und Printwerbung in den Mittelpunkt seiner Kommunikation rückt, darf sich nicht wundern, wenn sich im Unglücksfall das mühsam und teuer über viel Jahre aufgebaute positive Image innerhalb weniger Wochen in ein Negativimage umkehrt. Für Unternehmen gilt daher die Lehre: Themen mit der Kommunikation (werblich) in den Vordergrund zu stellen, die nicht der tatsächlichen Haltung des Unternehmens entsprechen, ist eine Todsünde in der CSR-Kommunikation. Negativbeispiele dazu finden sich zahlreich auf kritischen Webseiten wie http://www.klima-luegendetektor.de.
Für uns alle, die wir in der CSR-Beratung, im CSR-Management oder in der CSR-Kommunikation arbeiten, zeigt das Besipiel auch, dass es nicht ausreicht, die CSR-Leistungen eines Unternehmens nur anhand ihrer eigenen CSR-Reports zu bewerten.
Sven Griemert
Seniorberarter CSR
Johanssen + Kretschmer Strategische Kommunikation GmbH
http://www.jk-kom.de
Hallo Herr Griemert,
vielen Dank für den guten und ausführlichen Kommentar. Sie haben vollkommen recht. Der Fall BP zeigt geradezu mustergültig, dass in einem CSR-Prozess die Kommunikation niemals das Zentrum sein kann. Leider wird hier von vielen Beratern und Unternehmen oft das Pferd von hinten aufgezäumt. Kein Wunder, dass Begriffe wie Verantwortung und Nachhaltigkeit mit soviel Skepsis betrachtet werden.
Die besten Grüße
Riccardo Wagner